Kontakt
Presse
Akkreditierung

Doublefeature Beyond War

»Es gibt keine kollektive Schuld«, hat der Holocaust-Überlebende Prof. Rudolf Gelbard gesagt, »es gibt aber auch keine kollektive Unschuld.« Der industrielle Massenmord und die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung werden für immer eine tiefe Narbe hinterlassen, für die sich auch kommende Generationen verantworten werden müssen. Der Holocaust war jedoch kein isoliertes Ereignis, das aus dem Nichts entstanden war. Ihm ging eine lange gesellschaftliche und politische Entwicklung voran: Antisemitismus, Deutschnationalismus, zerbrechende Vielvölkerstaaten, Wirtschaftskrisen und einiges mehr. Realität werden konnte er aber erst durch die Aufgabe der Demokratien in Deutschland und Österreich zu Beginn der 1930er-Jahre.

Éva Fahidi war 20 Jahre alt, als sie aus Auschwitz-Birkenau nach Ungarn zurückkehrte. 49 Mitglieder ihrer Familie waren im Holocaust ermordet worden, darunter ihre Mutter, ihr Vater und ihre kleine Schwester. Sie war allein. Die Handlung des Dokumentarfilms »The Euphoria of Being« beginnt 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – eine Tanzperformance der greisen Éva und der jungen Emese soll das Leben der Holocaustüberlebenden visualisieren.

In der Schlusssequenz von »Quo Vadis, Aida?« kehrt die Protagonistin nach dem Ende des Jugoslawienkriegs in ihre Heimatstadt Srebrenica zurück. Sie ist allein und beansprucht ihre Wohnung, die sie im Zuge des Genozids verlassen musste und in der nun einer der Mörder ihrer Söhne mit seiner Familie lebt.

Viele der wenigen Juden, die nach dem Krieg nach Österreich zurückkehren konnten und durften, hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihre Wohnungen waren von Nazibonzen und SS-Schergen vereinnahmt worden, von denen kaum einer den Überlebenden ihr Eigentum freiwillig zurückgeben wollte. Die Frage der Restitution beschäftigt den Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus bis heute.

In den Balkankriegen der 1990er-Jahre spielen von Anfang an neben den Armeen paramilitärische Einheiten, die sich aus Zivilisten zusammensetzen, eine tragende Rolle. Sie agieren außerhalb der Befehlskette der Armeen, was sie aber schon bald angesichts der wild um sich greifenden Kriegsverbrechen nicht mehr von regulären Truppen unterscheidet. Ihre Kämpfer sind von einem fanatischen und rational nicht begreiflichen Blutrausch getrieben. Scheinbar aus dem Nichts ermorden sie ihre Nachbarn und deren Söhne, mit denen sie bis dahin nicht selten seit ihrer frühesten Jugend eng befreundet waren und deren Kinder gemeinsam dieselben Kindergärten und Schulen besuchten, Hoffnungen, Träume, Tisch und Bett teilten. Es ist ein gnadenloser Hass, der kein Schamgefühl kennt.

Fünf Jahrzehnte zuvor hatte derselbe Hass in den Holocaust geführt. Unter den Tätern waren viele Österreicherinnen und Österreicher – und auch in Österreich brach dieser Hass vollkommen unkontrolliert aus den tiefsten Abgründen unserer Vorfahren heraus, wie Carl Zuckmayer die Tage des Anschlusses im Wien des März 1938 in seiner Autobiografie »Als wärʼs ein Stück von mir« beschreibt. Darin vergleicht er die Szenen, die sich in der Hauptstadt abspielen, mit einem apokalyptischen Gemälde von Hieronymus Bosch:

»Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, haßerfülltem Triumph.«

Neben der Verurteilung der Kriegsverbrechen von Ratko Mladić wurde im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica auch die Rolle der Vereinten Nationen scharf kritisiert. Das schlecht ausgerüstete und zahlenmäßig weit unterlegene Kontingent niederländischer Blauhelme hatte keinen aktiven, also keinen bewaffneten, Widerstand geleistet. Gleichzeitig war aber den Niederländern die von ihnen angeforderte Luftunterstützung durch einen französischen UN-General verweigert worden. Die Einheit war zweifellos in einem militärischen, moralischen und juristischen Dilemma. Doch diese Feststellung beantwortet nicht die Schuldfrage. Eine Reihe von Klagen führte dazu, dass schlussendlich niederländische Gerichte eine Mitschuld der Niederlande am Genozid von Srebrenica feststellten, da den Schutzsuchenden eine mit etwa 30 % bezifferte Überlebenschance verweigert worden war.

Ratko Mladić konnte erst 2011 gefasst und dem Internationalen Gerichtshof übergeben werden. Auch seine Verurteilung zu lebenslanger Haft durch das UN-Tribunal macht es nicht begreiflich, wie es vor den Augen der internationalen Staatengemeinschaft, vor allem aber mitten in Europa, neuerlich zu einer solchen Katastrophe kommen konnte. Tausende bosnische Frauen hatten durch den Massenmord ihre Männer und Söhne verloren. »Die Mütter von Srebrenica« standen vor dem Nichts. Jede Einzelne von ihnen war alleine.

Im stolzen Alter von 90 Jahren nimmt Éva Fahidi, ohne zu zögern, das Angebot der Regisseurin Réka Szabó an, gemeinsam mit der jungen Tänzerin Emese Cuhorka eine Tanzperformance über ihr Leben auf die Bühne zu bringen. »The Euphoria of Being« begleitet die drei Frauen auf dem Weg, den sie während der Probenarbeiten beschreiten. Dabei entsteht eine magische Verbindung zwischen den Generationen, die sich nicht in Worte fassen lässt. Réka Szabó macht in ihrem Film einen Moment erfühlbar, in dem es weder Schuld noch Verantwortung gibt, sondern nur noch das Einzige, das stärker zu sein vermag als der ewige Hass.

21:15 Freitag, 18. Juni 2021
Doublefeature „Beyond War“ – Teil 1
Bürgermeistergarten

Quo Vadis, Aida?
2021, Jasmila Žbanić

Bosnien, Juli 1995. Die Lehrerin Aida arbeitet in der Kleinstadt Srebrenica als Übersetzerin für die UN. Als die serbische Armee die Stadt einnimmt, sucht ihre Familie zusammen mit Zigtausenden anderen Bewohnern der Stadt im UN-Lager Schutz. Aidas Ehemann, Direktor einer örtlichen Schule, soll mit dem serbischen General Ratko Mladić die Flucht der muslimischen Bevölkerung aushandeln. Doch die Lage spitzt sich zu.

Aidas Schicksal steht für das einer ganzen Generation von Frauen, die den Krieg in Bosnien überlebt haben. Von den 8000 Zivilisten waren es fast zur Gänze ihre Männer und Söhne, die bei dem Genozid von Srebrenica ermordet wurden. Eine brutale und gewaltsame Auslöschung, welche sich in die dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte einreiht. Die Gräueltaten, die mit den Jugoslawienkriegen einhergingen, im Besonderen aber das Massaker von Srebrenica, erinnern an den Holocaust. Tiefe Wunden bleiben über viele Generationen und dennoch muss, allen Widrigkeiten zum Trotz, in einer neuen Welt ein neues Miteinander möglich werden.
Der von vielen europäischen Ländern gemeinsam finanzierte Film »Quo Vadis, Aida?« ist nicht nur fulminant und temporeich, sondern ein essenzieller Beitrag zur Aufarbeitung europäischer Zeitgeschichte. Dabei nimmt die Regisseurin Jasmila Žbanić von jeder Form der Belehrung Abstand. Sie beklagt weder das Leid noch den Schrecken, sondern vertraut zu jedem Zeitpunkt dem großartigen Drehbuch, das sich auf jene Ereignisse stützt, wie sie sich im Sommer 1995 in Srebrenica zugetragen haben. Vor allem aber gelingt es Žbanić, den Terror dieses Krieges sichtbar zu machen, ohne die physische Gewalt zu zeigen.

Aus der großartigen Besetzung ragt Jasna Đuričić heraus. Die österreichische Kamerafrau Christine A. Maier fasst die Geschehnisse in schnörkellose und dennoch einfühlsame Bilder, die sich in die internationale Riege herausragender Kameraarbeiten reihen.

Produktionsländer
Österreich, Bosnien und Herzegowina, Niederlande, Deutschland u.a.,

Regie
Jasmila Zbanic

Kamera
Christine Maier

Szenenbild
Hannes Salat

Maskenbild
Michaela Payer

Kostümbild
Malgorzata Karpiuk

Musik
Antoni Kopmasa-Lazarkiewicz

Mit

Jasna Duricic
Izudin Bajrovic
Boris Ler
Dino Bajrovic
Edita Malovcic
u.a.

Nomminierungen

Bafta
Oscar
Österreichischer Filmpreis

21:15 Samstag, 19. Juni 2021
Doublefeature „Beyond War“ – Teil 2
Stadttheater

The Euphoria Of Being
2019, Réka Szabó

Éva Fahidi war 20 Jahre alt, als sie aus Auschwitz-Birkenau nach Ungarn zurückkehrte. 49 Mitglieder ihrer Familie waren im Holocaust ermordet worden, darunter ihre Mutter, ihr Vater und ihre kleine Schwester. Sie war allein. 

70 Jahre später, im Alter von 90 Jahren, wird Éva gebeten, an einer Tanztheateraufführung über ihr Leben teilzunehmen. Réka, die Regisseurin, stellt sich ein Duett zwischen Éva und der jungen, international gefeierten Tänzerin Emese vor. Réka möchte diese beiden Frauen, jung und alt, auf der Bühne interagieren sehen, um zu sehen, wie ihre Körper und ihre Geschichten ineinandergreifen können. Éva stimmt sofort zu.

Drei Frauen - drei Monate - eine Geschichte der Grenzüberschreitung. Während Schlüsselmomente aus Évas Leben zu Theaterszenen destilliert werden, entsteht eine starke Beziehung zwischen den drei Frauen.

The Euphoria of Being zeigt ein Tanz, der sich über die Zeit hinwegsetzt und mit jedem Schritt den Faschismus von damals wie jenen von heute in den Boden stampft, indem er nach in der Gemeinsamkeit von Gegenwart und Vergangenheit nach einer Zukunft sucht. Ein Film, der die Seele berührt und uns mit einem Lächeln und ausgestattet mit Mut in unser Leben und unsere Verantwortung entläßt. 

Produktionsland
Ungarn

Schnitt
Sylvie Gadmer, Péter Sass

Ton
Rudolf Várhegyi

Musik
Balázs Barna

Mit

Éva Fahidi
Emese Cuhorka
Réka Szabó